Prof. Dan Diner (Jerusalem/Leipzig): Von Denkfiguren und Erinnerungsorten: Die Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur vorgestellt


19. Juli 2017, 19:30 Uhr
Haus der Universität, Schadowplatz 14, 40212 Düsseldorf
Eintritt frei

Eine Veranstaltung des Instituts für Jüdische Studien, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Dan Diner ist Professor emeritus für Europäische Zeitgeschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und ehemaliger Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte an der Universität Leipzig. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung (München 1999) und Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt (Berlin 2005).

Im Vortrag präsentiert Dan Diner die Struktur und Darstellung der von ihm herausgegebenen und gerade abgeschlossenen siebenbändigen Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Bedeutung der jüdischen Lebenswelten als Seismograph einer vornehmlich europäischen Moderne gelegt, wobei dem in der Enzyklopädie dargebotenem Wissensarsenal das Paradigma einer diasporischen Existenzerfahrung zugrunde gelegt wird.

 

Dan Diner: „Die Juden leben im Text“
Enzyklopädie Jüdischer Geschichte und Kultur wurde am 19. Juli im Haus der Universität vorgestellt


20.7.2017

Über 14 Jahre sind vergangen bis zu dem Tag, an dem Historiker und Judaist Dan Diner auch den letzten Band der Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur in den Händen halten kann. Unter seiner Herausgeberschaft ist ein modernes jüdisches Nachschlagewerk der besonderen Art entstanden: Diner zeichnet die Lebenswelt der Juden im Zeitraum von 1750 bis 1950 in Form von Gedächtnisorten und Erinnerungsfiguren. Auch in Düsseldorf stellte er das Gesamtwerk nun vor, initiiert wurde die Veranstaltung vom Institut für Jüdische Studien der Heinrich Heine Universität.

Die Enzyklopädie ist im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften entstanden. Dan Diner selbst war bis 2014 Leiter des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig und unterrichtete Europäische Zeitgeschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Rund 500 Autoren haben die Einträge der Enzyklopädie verfasst, die von Diner und einem engeren Mitarbeiterkreis standardisiert und in Form gebracht wurden.

Diner bezeichnet das Projekt, eine jüdische Enzyklopädie in deutscher Sprache 70 Jahre nach dem Holocaust herauszugeben, als Herausforderung. Der Hintergrund der nationalsozialistischen Judenverfolgung sein zwar ständig präsent, aber nicht Focus der modernen jüdischen Geschichte.

Bei der Strukturierung der Bände geht Diner nicht nach der klassischen Benennung von Orten und Personen vor, sondern gestaltet Lemmata, die bestimmte Assoziationen bei einem vorgebildeten Leser mit dem Inhalt des Eintrages hervorrufen sollen. So finde man etwa unter dem Schlagwort Prag Informationen zu Kafka oder unter dem Lemma New York einen Eintrag über Sweatshops. „Wir gehen davon aus, dass die Ahnung größer ist als das Wissen“, sagt Diner. Der Leser müsse die Bereitschaft haben, einen Begriff in verschiedenen Zusammenhängen zu betrachten, um sich auf das Lemma einzulassen. Allein die Strukturierung der Schlagwörter habe ihn und sein Team fast zwei Jahre gekostet.

Die Juden begreift der Historiker als eine textuelle Bevölkerung, unabhängig von der Zugehörigkeit zu einem Ort lebten sie im geschriebenen Wort. Einhergehend mit der Profanierung von Textualität sähen sie sich mit einer Säkularisierung ihrer Lebenswelt in der Moderne konfrontiert, die Spannung zwischen Moderne und Vormoderne sei Grundsatz der Enzyklopädie.

Diner verzichtet bei seinen Lemmata außerdem auf Begriffe, die das Suffix „ismus“ in sich tragen. Worte wie Zionismus oder Antisemitismus hätten ihren Aussagewert längst verloren. Sucht man einen Eintrag zum Thema Antisemitismus, findet man ihn unter der Überschrift „Verschwörung“. Geht es etwa um Zionismus, so hat Diner das Lemma Basel als Tagungsort der Zionistenkongresse gewählt. Mit dieser Einteilung wolle er eine Kontroverse zwischen der Erwartung an den Inhalt eines Schlagwortes und der tatsächlichen Erfüllung im Eintrag aufbauen. Die Erwartungen sollten dabei nicht enttäuscht, aber bewusst getäuscht werden.

Im Herbst wird der erste Band der Enzyklopädie in englischer Sprache erscheinen. Die nun vollständige deutsche Ausgabe ist auch online abrufbar.

Pia Steckelbach


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