Was ist Jiddisch?

Jiddisch ist die alte Umgangssprache der aschkenasischen Juden – jener Juden, deren Vorfahren im Mittelalter in Deutschland lebten. Sie wird noch heute an vielen Orten der Erde gesprochen.

Die ersten Formen des Jiddischen entstanden vor dem 12. Jahrhundert im Südwesten Deutschlands auf der Grundlage mittelhochdeutscher Dialekte und entwickelten sich innerhalb des deutschen Sprachraums zu einer eigenen Sprache. Als die aschkenasischen Juden ab dem 14. Jahrhundert in großer Zahl nach Polen und in andere osteuropäische Länder auswanderten, nahmen sie ihre Sprache mit, ebenso ab dem 17. Jahrhundert in die Niederlande, oder wo auch immer sie sich niederließen. In Norditalien lebte zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert eine größere Zahl von Sprechern. Mit den Auswanderungswellen des späten 19. Jahrhunderts und der Flucht vor Kriegen und der Verfolgung durch die Nazis im 20. Jahrhundert verbreitete sich Jiddisch über die ganze Welt.

Die Entwicklung der jiddischen Sprache ist durch die vielfältigen Kontakte der aschkenasischen Juden mit den Sprachen ihrer Nachbarn und Herkunftsländer, und in nicht unerheblichem Maße durch die mit der jüdischen Religion verbundene Kultur geprägt worden. Jiddisch wird in hebräischen Buchstaben geschrieben (von rechts nach links). Schon in den Anfängen besaß das Jiddische einen starken Anteil hebräischer Elemente, aber auch Spuren von romanischen Sprachen. In den osteuropäischen Ländern haben slawische Sprachen, allen voran das Polnische, das Jiddische nachhaltig beeinflusst. In der Neuzeit haben europäische Hoch- und Bildungssprachen, darunter Neuhochdeutsch, Russisch, Englisch, Spanisch, modernes Hebräisch/Ivrith, in verschiedener Weise auf die Sprache eingewirkt. Umgekehrt hat aber auch das Jiddische in anderen Sprachen Spuren hinterlassen, im Deutschen vor allem mit Wörtern wie Schlammassel oder Pleite.

Die Anfänge der jiddischen Literatur lassen sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Epen über Gestalten der Bibel, Heldenlieder aus germanischen Sagenkreisen, Fabeln, Volksbücher, religiöse Lern- und Gebrauchsliteratur oder die von den Abenteuererzählungen der italienischen Renaissance inspirierten Versromane des Elia Levita (1469-1549) zeigen die Vielfalt der älteren jiddischen Literatur. Die moderne jiddische Literatur entstand vor allem in Osteuropa. Als ihre Klassiker gelten Scholem-Jankew Abramowitsch, bekannt als „Mendele Mojcher-Sforim“ (1836-1917), Sholem Aleichem (1859-1916) und I.L. Peretz (1852-1915). In der Zeit zwischen den Weltkriegen konnte die literarische Produktion im Jiddischen mit der jeder anderen Weltsprache mühelos Schritt halten. Bedeutende literarische und künstlerische Zentren waren in jener Zeit Warschau, Wilna (heute: Vilnius) und New York. Auch wurden in Wilna, Kiew und Minsk wissenschaftliche Institute zur Erforschung der jiddischen Sprache, Literatur und Kultur gegründet, welche ihre Arbeiten auf Jiddisch publizierten. Zu den bedeutendsten jiddischen Autoren der Nachkriegszeit gehören der Dichter Avrom Sutzkever (1913-2010) und der Erzähler und Schriftsteller Isaac Bashevis Singer (1902-1991), dem 1978 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es geschätzte 11 Millionen Jiddischsprecher. Schon in dieser Zeit haben viele Juden das Jiddische bewusst aufgegeben und sich an andere Sprachen assimiliert. Ein großer Teil der Sprecher wurde während des Holocaust durch die Nazis ermordet. Stalinistischer Terror und staatliche Repressionen in den Ländern des sowjetisch beherrschten Ostblocks haben ebenfalls zum Rückgang der Sprache beigetragen. Die genaue Zahl der Sprecher heute ist nicht bekannt. Schätzungen schwanken zwischen 100.000 und einer Million.

Was ist "Jiddische Kultur, Sprache und Literatur"? Was ist "Jiddistik"?

Jiddistik ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit der jiddischen Sprache und Literatur und mit der Kultur der aschkenasischen Juden, soweit sie sich des Jiddischen bedient oder in jiddischen Texten und Quellen (Film, Internet, Presse, Pop-Kultur, Briefe, Handschriften, Archivalien usw.) ihren Niederschlag gefunden hat. Das Fach verbindet philologische, kulturwissenschaftliche, sprach- und literaturwissenschaftliche Ansätze und Methoden. Die Jiddistik steht in engem Zusammenhang mit anderen Disziplinen, allen voran mit der Judaistik, ebenso der Germanistik, Slawistik, Geschichte, allgemeinen Sprachwissenschaft und vergleichenden Literaturwissenschaft. Weitere Berührungspunkte ergeben sich mit der Religionswissenschaft, Kunstgeschichte, Musik und Volkskunde, Medienwissenschaft, Amerikanistik usw.

Jiddistik in Düsseldorf

Der Lehrstuhl für Jiddische Kultur, Sprache und Literatur wurde 1996 eingerichtet. Seit 2002 ist er ein selbständiger Teil des Instituts für Jüdische Studien. In Düsseldorf ist die Jiddistik als ein eigenes Studienfach innerhalb der Philosophischen Fakultät frei kombinierbar. Insbesondere können die Fächer Jüdische Studien und Jiddistik in Düsseldorf in einer Weise im Studium miteinander verbunden werden, die europaweit einzigartig ist.

Das Lehrangebot umfasst neben Sprachkursen in der modernen Standardsprache Lehrveranstaltungen zur jiddischen Literatur aus allen Epochen, zur Sprachgeschichte und zur Kulturgeschichte. Im Bachelorstudium liegt der Schwerpunkt dabei auf den Entwicklungen in der Neuzeit. Im Masterstudium ist eine eigene Schwerpunktsetzung möglich.

Als Forum für den Austausch über neue Forschungen auf dem Gebiet der Jiddistik veranstalten die Jiddistik-Lehrstühle in Trier und Düsseldorf jährlich gemeinsam dasundefined Symposium für Jiddische Studien in Deutschland. 

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