Das Jiddistik-Kolloquium findet donnerstags, 17:00–19:00 Uhr, im Raum 24.54.01.86 statt.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

7. Dezember 2017
Prof. Dr. Astrid Lembke (FU Berlin):
"Höfische Störungen. Eine gefährliche Brautwerbung in der 'Geschichte aus Mainz' (16. Jh.)"

Vorgeste​llt wird das jüdische Erzählmuster der "Konkurrenz um die selbe Braut", das zum ersten Mal im 13. Jahrhundert in einer hebräischen Erzählung und in der Folgezeit mehrmals in jiddischen Texten verwendet wird. Im Mittelpunkt des Vortrags steht die jiddische 'Geschichte aus Mainz' aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Diese Erzählung unterscheidet sich von den anderen Texten darin, dass fast ein Drittel der Handlung von einem inszenierten und für den Ausgang der Geschichte auf den ersten Blick überflüssigen Konflikt zwischen dem Protagonisten und seiner Herkunftsgemeinde eingenommen wird. Die These des Vortrags lautet, dass an dieser Stelle zwei Erzählmuster - ein jüdisches und ein höfisch-christliches - auf überraschende Weise miteinander zur Interferenz gebracht werden, um höfische Erzähltraditionen und jüdisch-christliches Zusammenleben neu zu perspektivieren und zu kommentieren.


9. November 2017
Farina Marx (Institut für Jüdische Studien, HHU) und Dr. David Freis (Universität Münster):
"Visnshaftlekhe kontrabande": Fischl Schneersohn zwischen Kabbalah und moderner Psychologie

Fischl Schneersohn (1887 – 1958) ist vielleicht eine der faszinierendsten vergessenen Persönlichkeiten in der Geschichte der Psychologie des 20. Jahrhunderts.
Einzigartig an seinem Werk ist die Verbindung von zeitgenössischer Psychologie, Psychotherapie und jüdischer Mystik. Schneersohn war, anders als viele seiner jüdischen Kollegen, ein gläubiger Jude, der im Zentrum der Chabad-Bewegung aufwuchs und bereits mit 15 zum Rabbi ernannt wurde. Als direkter Nachfahre von Salman von Lyadi war er tief in der Gedankenwelt von Chabad verwurzelt. Nach seinem Studium der Medizin in Berlin und Petrograd leitete er die Abteilung für Heilpädagogik in Kiev, wo er sich auf die Behandlung kriegstraumatisierter jüdischer Kinder spezialisierte. Nach seinem Umzug nach Berlin in den 1920ern veröffentlichte Schneersohn eine Vielzahl an Artikeln, die sich mit den individuellen und kollektiven Auswirkungen psychischer Störungen befassen. Sein psychosoziales Hauptwerk Der veg tsum mentsh setzt sich allumfassend mit dem Leben auseinander, mit der Zielsetzung mentale Erkrankungen sowohl zu heilen als auch verhindern zu können, und eine zukünftige humane Gesellschaft zu schaffen. In der Zwischenkriegszeit zog Schneersohn in die USA, nach Polen und letztlich nach Palästina, wo er seine Ideen übersetzte und dort seine gesammelten Erfahrungen in die verschiedenen Gesellschaften übertrug.
In unserem Vortrag werden wir uns auf Schneersohns Hauptwerk Der veg tsum mentsh fokussieren. Dieses wurde 1927 in jiddischer Sprache veröffentlicht und erschien in englischer Übersetzung 1929 in den USA mit dem Titel Studies in Psycho-Expedition. Obwohl er sich als wissenschaftlicher Psychologe und praktischer Therapeut präsentierte, griff Schneersohn auf kabbalistische Motive wie verschiedene Sphären der Seele zurück, die verstanden und ganzheitlich behandelt werden müssten. Neben der Präsentation von Ideen eines in Vergessenheit geratenen jüdischen Psychotherapeuten, der sich zwischen verschiedenen Orten und Traditionen bewegte, bietet unser Vortrag zudem ein Beispiel für die Verbindungslinien zwischen moderner Psychotherapie und mystischem Denken.

8. Juni 2017
Dr. Lea Schäfer (Philipps-Universität Marburg)
Edition eines westjiddischen Theaterstückes aus Hessen: Ergebnisse und Probleme

In den letzten Jahren ist unser Wissen zum Westjiddischen im 18. und 19. Jahrhundert stark gewachsen. Doch ist vor allem das Westjiddische des Südens und Nordens umfassend beschrieben worden. Insbesondere zum (west-)mitteldeutschen Raum fehlt es bislang an zugänglichen Quellen und Analysen. Ein Gesamtbild des (west-)jiddischen Sprachraums ist damit nicht möglich.
Mit einem Buchprojekt soll diese Lücke zumindest für das Jiddische Oberhessen geschlossen werden. Im Zentrum der Arbeit steht die Edition des handschriftlich in hebräischen Lettern verfassten Theaterstück "Die Hochzeit zu Grobsdorf" von 1822 aus dem Büdinger Raum. Dieses Stück ist in seinem sprachlichen Quellenwert mit keiner anderen Quelle des Westjiddischen im 19. jahhundert vergleichbar.
Der Vortrag setzt seinen Fokus auf sprachliche Besonderheiten des Textes, wird aber auch überlieferungsgeschichtliche Aspekte und editionsphilologische Probleme beleuchten und möchte zu einer Diskussion des literarischen Quellwertes anregen.
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